06.05.10

Verrückte Perücken

Als Toupet sind sie Teil der eher traurigen Alltagsrealität eitler Männer und Frauen, die sich vermeintlich nicht mehr auf ihre natürliche Haarpracht verlassen können. Sie werden dazu benutzt, echtes Haar vorzutäuschen (bzw. bestehen meist ja aus Echthaar) und verstecken, was nicht öffentlich gezeigt werden soll. Auch Bundesklanzler und andere in der Öffentlichkeit stehende Personen sind recht anfällig für diesen Trend.
Im Karneval allerdings ist die Intention eine umgekehrte: Hier soll gezeigt werden, was man hat (oder eben auch nicht hat, aber die Perücke als integraler Bestandteil vieler Kostüme ist ja auch ein Asset). Manche Perücken machen alleine ein Kostüm aus, wie die Elvis-Locke oder der Bob Marley Dreadhaufen. Jedenfalls will man damit gesehen werden und erwartet nicht, dass irgendjemand den künstlichen Aufsatz für das eigene Haar halten würde. Da die Gestaltung des Haupthaars allerdings seit Generationen und nicht nur bei Frauen einen wichtigen Bestandteil der Persönlichkeit ausmacht, sagt natürlich auch die Wahl der Perücke vieles über den Charakter des sie Tragenden aus. Hier einige 'telling examples':



Das ist der Archetyp der Perücke schlechthin. An diesem Beispiel kann man zudem erkennen, dass es tatsächlich eher weniger um Unauffälligkeit und Simulation von Echthaar geht, es ist eher ein Hingucker. Besonders schön der integrierte, nicht abnehmbare Hut. Das Bild stammt übrigens vom Christopher Street Day 2009 in Hamburg.

Quelle: flickr-User Markus Merz













Wer es besonders edel mag, dem ist mit diesem barocken Exemplar wohl bestens geholfen. Es lässt sich auch sehr gut zu Gothic Underground Parties tragen, ist also multifunktionell verwendbar. Idealerweise ergänzt man eine solche Perücke mit einer schwarzen Corsage, Netzstrümpfen und jeder Menge Wimperntusche. Das Geschlecht spielt hierbei selbstverständlich keine Rolle, wie üblich im Karneval.

Quelle: www.stekarneval.com





Sehr schön auch diese regenbogenfarbene Haarpracht. Man schau gerne hin, sie strahlt Lebensfreude aus und lässt sich grundsätzlich mit jedem beliebigen Kostüm kombinieren, kann aber auch ein Kostüm für sich darstellen. Besonders praktisch ist, dass man das Teil nach Karneval noch als Staubwedel verwenden kann, um in die hintersten Ecken der Wohnung zu kommen. Acht geben sollte man allerdings, dass man sie dann anschließend nicht wieder auf den Kopf setzt (und dies auch noch mehrere Jahrzehnte in Folge), sonst endet man wie dieser leicht unvorteilhaft getroffene Herr mit dem Fahrrad hier. Lieber eine neue Perücke besorgen und bei der Gelegenheit auch gleich noch ein Kostüm, das den Körper gnädiger verhüllt als es dieser Tiger Stringtanga vermag.

Quelle links: flickr-User yuan2003
Quelle rechts: flickr-User debagel


Japaner lieben Perücken (diesem Thema werde ich in naher Zukunft auch mal einen eigenen Blogeintrag widmen). In diesem Fall stellt die junge Dame einen gehörnten Dämonen aus der japanischen Mythologie dar, was ja sehr passend zum Karneval ist. Obwohl dieser Dämon doch eher putzig als furchteinflößend aussieht, hat man mit so einem historischen Kostüm schon mal einige Asse im Ärmel und kann mächtig Eindruck schinden.

Quelle: flickr-User maiaibing2000


Nicht systemkonform zeigt sich dieser Karnevalist. Aber so ist der Karneval ja auch immer gedacht gewesen: als Spielwiese für Querköpfe, Nonkonformisten und alle, die einfach mal dem Alltag entfliehen wollen. Wenn das mal nicht Punk ist, dann weiß ich auch nicht... Was die etablierten Karnevalsvereine dazu sagen würden, möchte ich hier lieber nicht wiedergeben. Aber m.E. handelt es sich bei vielen von ihnen ja auch um verstaubte Relikte, die den wahren Gedanken des Karnevals verloren haben und sich an ihren Traditionen festklammern.


Quelle: www.1001kostueme.de

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